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Eine menschliche Grundsituation?

… Ich weiß nicht, wie ich vom heutigen Ufer
ans Ufer von morgen gelangen soll …

Steht der Fluss symbolisch für die Vergänglichkeit, aber auch ständige Erneuerung, ist sein Ufer scheinbar das einzig Feste, Haltgebende – die momentane Wirklichkeit, die jedoch kein Verweilen erlaubt. Der Schlaf, der uns vom Heute zum Morgen bringt, lässt uns nichts Vertrautes mehr vorfinden – Verfremdung durch die Zeitlichkeit… das, was gestern uns noch zu gehören schien, der Fluss des Lebens hat es davongetragen.

Der Fluss entführt inzwischen
die Wirklichkeit dieses Abends
in Meere ohne Hoffnung

Der Fluss trägt noch, rasch vorbeiziehend, Züge des Augenblicks, die sich jedoch in der unendlich scheinenden Weite des Meeres verlieren, ohne je eine Wirklichkeit zu erlangen. Die Fluten vergangener Momente, die Unmöglichkeit eines Festhaltens, nimmt jede Hoffnung auf Sein – alles ist Werden, nichts ist fest. Man meint, das "Panta rhei" Heraklits zu vernehmen.

Ich blicke nach Osten, nach Westen.
Ich blicke nach Süden und nach Norden …
Die ganze goldene Wahrheit
die meine Seele umgab –
gleich einem vollendeten Himmel -
fällt, zerbrochen und falsch.

Die unendliche Weite des Meeres ist es auch, die orientierungslos macht, nichts Festes, an dem man Halt finden könnte. Selbst das Klammern an Werte erweist sich als trügerisch, das Prinzip des Werdens verhindert ein Sein, Werte aber sollen Halt geben durch ihre Stabilität, Unveränderlichkeit, finden aber keinen Platz in einer Welt, die der Zeit und somit der Vergänglichkeit unterworfen ist. So ist auch der Wert "Wahrheit" als Illusion entlarvt – was bleibt, ist die Angst orientierungslos zu sein, keine Richtung zu finden, in dem unendlichen Strudel haltlos unterzugehen.

Das könnte eine Grundsituation eines Menschen sein, der die Unzulänglichkeiten des Lebens wahrnimmt, der über sein Jetzt hinaus Fragen an sein Morgen stellt. Aber das Bewusstsein, in dieser Situation nicht allein zu stehen – schon immer haben Philosophen sich damit auseinandergesetzt – kann Hoffnung sein, durch Nach-Denken von bereits Gedachtem seine Situation besser zu verstehen und zu einer Position zu finden, und sei es das "amor fati" Nietzsches.